© 2008 Adam Piechowski Jens Baxmeier produziert Crushed Ice

Eisbuggykiten auf den Masuren

Noch sind sie ein wenig wackelig, die ersten Schritte. Das Eis ist spiegelglatt und tiefschwarz. Ein paar von uns haben sich Spikes unter die Stiefel geklemmt, um beim Laufen etwas mehr Halt zu bekommen. Die -10° C ist keiner von uns gewohnt, zu Hause stand das Quecksilber noch über null, der stramme Wind macht es auch nicht gerade besser. Und dann dieses unheimliche Blubbern. Es kommt alle paar Sekunden, überlagert sich gelegentlich. Man hört es nicht nur, sondern spürt es auch bis tief in den Magen. Es sind Spannungen und Risse, die plötzlich durchs Eis schießen, manchmal sogar zwischen den eigenen Beinen hindurch. „Keine Angst, das Eis ist hier über 20 Zentimeter dick“, sagt unser Gastgeber Piotr Melnik mit polnischem Akzent. „Da kann man mit dem Auto drauf.“ – Und er muss es wissen.

Ein perfekter Schliff für sicheres Fahren

Rückblende: „Jens Baxmeier, hallo?“, hallt die Stimme meines Kollegen aus dem Telefonhörer. Er ist Chefredakteur der Fachzeitschrift KITE & friends. Mit jedem Telefonat wächst die Anspannung, wir sprechen übers Wetter und die Eisbildung im Zielgebiet. Es sieht nicht gut aus. Aber der kräftig gebaute Mann am anderen Ende der Leitung hat die Ruhe weg. Hat er immer. Tom Klar, der im Wolkenstürmer – einem Kite-and-Coffee-Geschäft – mit Laptop und Telefon am Tresen steht, bei jedem Gespräch mit Jens und mir nervöser wird, geht’s da sichtlich anders. Seine Ausrüstung hat Tom schon wer weiß wie oft kontrolliert und auf Vollständigkeit geprüft. Er ist heiß auf den fünftägigen Ausflug, von dem allein schon zwei Tage für die Hin- und Rückfahrt geplant sind. Keine halbe Woche mehr soll es dauern, bis es losgeht. Hoffentlich. Denn der Februar ist bisweilen einfach nicht kalt genug. Nicht kalt genug in Deutschland und auch nicht kalt genug in Polen. Vor allem aber nicht kalt genug für unser siebenköpfiges Team und das Vorhaben, mit den Kufen übers Eis zu schlittern.

Uwe Michelchen alias Kufen-Uwe

Der Tipp zu unserem Reiseziel kommt von Tomasz Pawlik, einem Sportsfreund von Jens. Er ist einer der wenigen Kiter aus unserem Nachbarland, die ihren Hintern regelmäßig in den Buggysitz drücken und mit Vollgas losbrausen. Von ihm erhielt Jens auch die Kontaktdaten zu unserem Gastgeber Piotr, die direkt an mich weitergeleitet werden. Piotr führt mit seiner Frau Elzbieta einen Agrotourismus-Bauernhof direkt am Jezioro Dargin (Darginensee) zwischen Gizycko (Lötzen) und Wegorzewo (Angerburg). „Frag doch mal nach, wie es aktuell mit dem Wetter und der Eisbildung ausschaut“, lautet Jens’ Auftrag, der nicht weiß, dass Piotr auch ein wenig Deutsch spricht. Nachdem endlich Piotrs Antwort kommt, auf die alle so sehr hoffen, schießt erstmals Adrenalin ins Blut: „Das Eis ist fast schon dick genug, wir haben Minusgrade bei weiter fallender Temperatur. Das Wetter ist gut, Wind ist ausreichend vorhanden und es soll beständig bleiben. Ihr könnt kommen.“

Meike Müller auf dem Mountainboard

Zeitsprung: Es ist sehr früh am Morgen. Einige der sieben Teammitglieder sind schon bei Toms Drachenladen in Hamburg eingetroffen. Noch ahnt niemand, dass sich die Reise aus organisatorischen Gründen zum Nachmittag hin verschieben wird. So ist etwa noch Meike Müller aus Frankfurt, die Freundin von Jens, vom Hamburger Hauptbahnhof abzuholen. Durch einen Kreuzbandriss etwas außer Gefecht, aber dennoch mit Freude dabei, ist außerdem Carsten Bockwoldt. Außerdem wird Kiterkollege Wolfgang Kamp schon sehnsüchtig erwartet. Als nach viel zu langem Warten endlich alle eingetroffen sind, das Gepäck verstaut ist und wir uns im Wolkenstürmer-Shop noch mit nützlichen Dingen wie beispielsweise Sturmhauben eingedeckt haben, machen wir uns mit einem Neunsitzer-Transporter sowie einer französischen Familienkutsche auf den Weg. Mehr als 1.000 Kilometer und über 15 Stunden Fahrt liegen vor uns. Am Grenzübergang in Kostrzyn (Küstrin) haben wir den einzigen Zwischenstopp, der uns echte Sorgen bereitet. Aber wir haben Glück. Die Zöllner sind freundlich, rufen alle Insassen namentlich auf, fragen nach dem Grund der Reise und winken die Wagen durch. Auspacken, vorzeigen, einpacken – bei so viel Ausrüstung würde während einer Gepäckkontrolle viel Zeit verloren gehen. Kurz hinter der Grenze heißt es tanken, Essen fassen und weiter. Immer ostwärts, südlich an Gdansk (Danzig) vorbei, bis ins Gebiet der Masurischen Seenplatte – auf Polnisch Mazury. Zielort ist Harsz (Harschen) in der Gemeinde Pozezdrze (Possessern), nicht weit südlich der Grenze zur Russischen Föderation.

Jens Baxmeier produziert Crushed Ice

Bei der Ankunft steht die Uhr bei 4:30 Uhr, das Außenthermometer zeigt –16° C an. Es ist stockdunkel und der Himmel trägt ein prächtiges Sternenkleid. Harsz ist ein sehr kleiner Ort, eigentlich nur ein paar Häuser und Höfe. Hier scheint die Zeit vor einigen Jahrzehnten stehen geblieben zu sein. Die Straßen sind schlecht, genauso deren Beleuchtung. Unseren vorübergehenden Wohnsitz zu finden, gelingt erst nach einem Weckruf per Handy. Doch eigentlich hat Piotr die Nacht noch kein Auge zugemacht und für uns schon den Kamin im großen Aufenthaltsraum angeheizt. Er begrüßt uns in der klirrenden Kälte, die sich regelrecht in die Haut kneift. Drinnen werden noch ein paar anständige Biere gezapft, bevor wir nach einer herzlichen Vorstellungsrunde endlich unsere Zimmer beziehen und tot ins Bett fallen.

Gemütliche Atmosphäre bei Familie Melnik

Morgens geht’s um etwa 10 Uhr los, keiner will den aufregenden ersten Tag verschlafen. Unser Kamerad Tomasz soll erst im Laufe des Vormittags eintreffen. Die komplette Ausrüstung wird aus dem Transporter geladen. Während die Buggys vorbereitet werden, läuft Uwe Michelchen zur Hochform auf. Er trägt den liebevollen Spitznamen Kufen-Uwe. Unser Experte, Jahrgang 1954, ist der Dienstälteste im Team. Mit 105 Kilometer pro Stunde hält er übrigens seit 1996 den Geschwindigkeitsweltrekord im Eissurfen. So zehrt er von seiner langjährigen Erfahrung auf dem Eis und schleift fleißig an unseren Buggykufen. „Ich werde mit verschiedenen Winkeln experimentieren, um weitere Erkenntnisse zu sammeln. Mal schauen, was sich beim Eisbuggykeiten bewährt. Besonders wichtig hierbei ist, dass der Schliff über die gesamte Länge gleichmäßig verläuft“, erklärt Uwe, während die Funken fliegen. Währenddessen hat Piotr einen Anhänger vorbereitet, auf dem alle Buggys Platz finden. Nicht mehr lange und wir können loslegen. Doch zuerst gibt’s Frühstück, denn bei einer solchen Kälte sollte der Körper gut versorgt sein. Das dachten auch unsere Gastgeber und zauberten ein Frühstück, wie es sich so manche Hotels als Vorbild nehmen könnten. Dazu noch ein, zwei Kurze gefüllt mit Wodka. „Ist gut für die Nerven, das ist Medizin. Man zittert dann nicht mehr so“, schmunzelt Piotr und schenkt ein.

Uwe Michelchen (Surfer) unterwegs mit Tomasz Pawlik (Buggy)

Als wir so weit sind und auf dem Eis angekommen, staunen wir über die Größe des Sees. Vom Haus aus ist er zum Teil von einer Baumreihe verdeckt. „Fast alle Seen hier auf den Masuren sind miteinander verbunden. Hier kann man auch im Sommer mit dem Segelboot richtig weit hinausfahren und immer wieder neue idyllische Stellen erkunden“, erklärt Piotr, der uns bei unseren Vorbereitungen interessiert zuschaut. An einem geeigneten Sammelplatz wird eine Eisschraube in den See gebohrt. Sie ist die einzige Möglichkeit, die Kites vernünftig zu befestigen. Ein paar Gewichte zum Beschweren der Schirme tun ihr Übriges. Selbst Horst Nebbe, genannt Hossi und der siebte Kopf im Team, kann seine Vorfreude nun kaum noch verbergen. Neben Jens bringt er als Buggyfahrlehrer auch viel Erfahrung mit. Indes schnallt sich Tom erst einmal Schlittschuhe an die Füße und dreht eine größere Runde, um später böse Überraschungen in Form von dünnen Stellen oder größeren Spalten im Eis ausschließen zu können. Dem Eis sollte man zur eigenen Sicherheit unbedingt mit viel Respekt, Eisrettern und einer Pfeife begegnen. Als es dann mit den Buggys endlich losgeht, hallen die ersten Freudenschreie bis ans Ufer. Wieder macht sich das Adrenalin bemerkbar.

Eissegler machen Spaß, sind aber nicht ganz ungefährlich

Beim Fahren entwickelt sich eine atemberaubende Geräuschkulisse, vor allem hart gefahrene Kurven haben’s in sich. Das Krächzen der schweren Kufen, die über den glatten Grund schaben und die aufgewirbelten Eissplitter sind schon ein Erlebnis. Fast wie eine sich durch Metall fressende Kreissäge hört sich das an. Dass dabei sehr große Kräfte wirken, zeigen einige beim Fahren verbogene Kufenschneiden und sich lösende Befestigungsmuttern. Jeder dieser Monsterschlittschuhe besteht aus Stahl, ist mehrere Millimeter stark und wiegt knapp 8 Kilogramm. Jede Fahrt dient also nicht nur einer Probe des Schliffs, sondern auch der Belastungsgrenzen des Materials. Dokumentarisch halten wir das Erlebte mit digitalen Video- und Spiegelreflexkameras fest. In der Mittagspause werden bei den Melniks köstliche polnische Spezialitäten aufgetragen. Jeder von uns hatte einen riesigen Appetit auf Herzhaftes, denn so viel Bewegung in der Kälte verlangt nun mal nach Energie. Von nachmittags bis abends genossen wir die Freiheit beim Eisbuggykiten bis zum Sonnenuntergang, der dem Ganzen noch die Krone aufsetzte. Den Tag haben wir in Feierlaune mit einer heißen Dusche, dem anschließenden Abendessen sowie Bier und Selbstgebranntem ausklingen lassen.

Uwes erste Fahrt, Tom Klar gibt Hilfestellung

An den folgenden zwei Tagen trauen wir uns mehr zu, auch die Fotos und Videoaufnahmen werden zunehmend besser. Wir konzentrieren uns auf das Dokumentarische und Spaß, aber nicht so sehr auf maximale Leistungsausbeute und Geschwindigkeit. Dazu ist einfach zu wenig Eingewöhnungszeit gegeben, was durchaus Gefahren birgt. Besonders gut wird dies bei einer Spritztour mit dem Eissegler von Tomasz bewusst. So ein Gefährt entwickelt bei moderatem Wind eine Beschleunigung wie beim Start mit Hilfe einer Rakete. Ein durch Fahrfehler verursachtes Umkippen bremst den Eissegler binnen einer Sekunde von weit über 50 Kilometer pro Stunde auf null herunter. Daher achten alle auf ein besonders umsichtiges und sicheres Fahrverhalten. Auf Eis lässt es sich eben nicht so einfach bremsen. Auch Tom hatte höllischen Respekt auf seinem mit Kufen versehenen Mountainboard. Da sind neben dem einzuschaltenden Verstand auch ein Helm und Protektoren für Wirbelsäule und Gelenke obligatorisch. Uwe hat indes viel Spaß daran, von seinem Eissurfer in den Buggy umzusteigen. So entdeckt er in der Endphase unseres Kurzurlaubs sogar eine neue Sportart für sich.

Wolfgang Kamp in der Abendsonne

Nicht nur die drei Tage endeten schnell, auch das Wetter schlug am Abreisetag um, so dass wir an einem theoretisch vorhandenen weiteren Tag nicht mehr hätten kiten können. Vollgepumpt mit körpereigenen Drogen und Glückshormonen, die Anstrengungen und den Muskelkater kaum spürend, begeben wir uns auf den Heimweg. Wie heißt es doch so schön? Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist.

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Jens Baxmeier
Tom Klar
Piotr & Elzbieta Melnik
Uwe Michelchen
Horst Nebbe
Tomasz Pawlik

5 Comments

  1. Erstellt am 26. November 2008 um 00:20 Uhr.| #

    Hey Adam,
    perfekt wiedergegeben!
    Den Bericht zu lesen hat die Sehnsucht nach Masuren wieder geweckt.

    Bald geht es wieder los, schau mal unter:

    http://www.gpa.de/forum/viewtopic.php?t=5337

    Gruß Wolfgang

  2. Erstellt am 30. November 2008 um 17:13 Uhr.| #

    Moin, Moin Wolfgang.

    Es freut mich sehr, dass Dir der Artikel gefallen hat. Den Thread im GPA-Forum verfolge ich schon seit ein paar Tagen. Von dort kommen auch viele Besucher, die sich für das YouTube-Video interessieren. Falls es mir zeitlich und finanziell möglich sein wird, schließe ich mich der Gruppe in 2009 gerne an. Allerdings steht das momentan noch in den Sternen. Ich behalte das im Auge. 🙂

    Herzliche Grüße
    Adam

  3. Hossi
    Erstellt am 7. Januar 2009 um 10:01 Uhr.| #

    sehr schön aufbereitet.
    Ich könnt auch wieder los 🙂

  4. Erstellt am 21. Oktober 2010 um 11:34 Uhr.| #

    SO GEIL!

    Mein Respekt!!

  5. Erstellt am 7. Dezember 2010 um 14:44 Uhr.| #

    Mein größter Respekt, sehr geile Idee. Etwas Kreativität und handwerkliches Geschick und dann über das Eis flitzen. Tolle Bilder, bei dem Winter werden wir so was auch mal versuchen

    Grüße

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