© 2008 Adam Piechowski Scan vom Cover

Angst und Schrecken in Las Vegas

Journalisten sind bemüht, Sachverhalte nüchtern zu analysieren und als leicht verständliche Kost ans Publikum zu bringen. Der Amerikaner Hunter Stockton Thompson (* 18. Juli 1937 in Louisville, Kentucky; † 20. Februar 2005 in Woody Creek bei Aspen, Colorado) zog es vor, sich dem Wahnsinn auf der Welt zu stellen und seine Erlebnisse unzensiert niederzuschreiben. Er kombinierte verschiedene journalistische wie literarische Stilmittel, reicherte diese mit Sarkasmus an, fügte vulgären Sprachgebrauch hinzu und erfand so den Gonzo-Journalismus. Auf seiner Suche nach dem Amerikanischen Traum unter dem Einfluss so ziemlich jeder ihm zugänglichen Droge schrieb er unter anderem das Buch „Angst und Schrecken in Las Vegas“. Mit seinem professionellen literarischen Amoklauf hat Thompson den Journalismus entstellt und ihm ein neues, vorher nie dagewesenes Gesicht verpasst.

Die Presse ist eine Bande grausamer Schwuler. Journalismus ist weder Beruf noch Handwerk. Er ist nichts als ein billiges Asyl für Arschlöcher und Missratene – eine blinde Gasse zur Kehrseite des Lebens, ein dreckiges, nach Pisse stinkendes kleines Loch, auf Anordnung eines Bauamt-Inspektors zugenagelt, aber gerade noch groß genug für einen Wermutbruder, sich in einer Nische am Gehsteig zu verkriechen und sich einen runterzuholen wie ein Schimpanse im Zoo-Käfig.

Teilweise ist die deutsche Fassung dieses Buches mangelhaft übersetzt worden. Manch eine Passage verliert dadurch ihren humorvollen Charakter, weil der Wortsinn entstellt wird. Wer indes die Verfilmung mit dem Titel „Fear and Loathing in Las Vegas“ mit Johnny Depp und Benicio del Toro in den Hauptrollen gesehen hat, dürfte darüber hinwegsehen können. Im Buch findet sich die perfekte Ergänzung zur ohnehin sehr gut gemachten Verfilmung wieder. Es ist nicht nur die spannende wie wirre Story, die bei der Lektüre zum unentwegten Weiterlesen antreibt. Es sind auch der lockere Schreibstil und die Rücksichtslosigkeit Thompsons gegenüber allen, die das Exzessive im Menschen fürchten oder gar verabscheuen. Im Kern geht es darum, dass Hunter S. Thompson unter dem Pseudonym Raoul Duke mit seinem völlig durchgeknallten samoanischen Anwalt Dr. Gonzo und einem Koffer voller Träume nach Las Vegas fährt. Beide verfallen dort jeder erdenklichen Art des Drogenkonsums, bringen Touristen auf die Palme, terrorisieren Hotelangestellte und verwüsten jedes Zimmer, in das sie sich einmieten. Eigentlich soll Raoul Duke über das Motorrad-Wüstenrennen Mint 400 berichten. Doch der Auftrag gerät schnell zur Nebensache, vermeintliche Statisten mutieren zu Hauptakteuren und am Ende weiß selbst Duke nicht mehr, was er überhaupt in der bunten Glückspielhochburg inmitten der großen Wüste von Nevada verloren hat.

Der Circus Circus ist, was alle mit Durchblick samstagnachts täten, wenn die Nazis den Krieg gewonnen hätten. Dies ist das Sechste Reich. Zu ebener Erde lauter Spieltische wie in allen anderen Kasinos auch … aber der Laden hier ist gut seine vier Stockwerke hoch, wie ein Zirkuszelt, und allerlei seltsamer Jahrmarkt/polnischer Kirmes-Wahnwitz spielte sich unter der Kuppel ab. Direkt über den Spieltischen präsentieren die 40 fliegenden Carazito-Brüder ihren Hochseil-Trapezakt, zusammen mit vier Maulkorb tragenden Vierbeinern und den sechs Lolita-Schwestern aus San Diego … und da stehst du zu ebener Erde und bist am Zocken, und die Einsätze klettern, und wenn du plötzlich mal zufällig aufsiehst, dann, zack! – direkt über deinem Kopf ein halbnacktes 14-jähriges Mädchen, das durch die Luft gejagt wird von einem fauchenden Vierbeiner, der sich plötzlich in einem Kampf auf Leben und Tod mit zwei silberbemalten Polacken befindet, die von gegenüberliegenden Balkons aufeinander zugeschwungen kommen und sich mitten in der Luft, den Vierbeiner im Nacken, treffen … beide Polacken schnappen sich das Tier und fallen dann direkt auf die Würfeltische zu – aber sie werden von dem Netz aufgefangen, sie trennen sich voneinander und werden wieder hinaufkatapultiert zum Dach in drei verschiedene Richtungen, und als sie gerade wieder zu fallen drohen, werden sie aus der Luft gegriffen – von den drei koreanischen Kätzchen und auf jeweils einen Balkon trapezt. Dieser Wahnsinn geht unaufhörlich weiter, aber niemand scheint davon Notiz zu nehmen. Das Glücksspiel läuft rund um die Uhr im Parterre, und der Zirkus endet nie.

ISBN 978-3-453-40137-2

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